Bei Kolumbien denken viele sofort an Kaffee, Kokain und Karibikküste. Ich denke an WhatsApp. Gerade war ich wieder in Kolumbien. Das zweite Klimaschutzprojekt der Gemeinde Schondorf in Puerto Leguízamo hat begonnen. Es geht um die Trinkwasserversorgung der ländlichen Bevölkerung. Ein Dutzend Männer und Frauen vor Ort haben gelernt, Brunnen zu bauen. Ich koordiniere das Projekt – und beobachte nebenbei, wie andere Länder funktionieren. In diesem Fall, wie sie kommunizieren. Das ist eine journalistische Angewohnheit von mir.

Die Hälfte meiner WhatsApp-Kontakte habe ich inzwischen in Kolumbien. Mit der Stadtverwaltung, dem Militär, der Tankstellenbetreiberin oder einem Jungen, der acht Stunden neben mir im Boot saß. Es ist die einfachste und zuverlässigste Methode, um in Kontakt zu bleiben. Im strukturschwachen Süden des Landes gibt es weder Straßen, noch eine zentrale Stromversorgung, geschweige denn Festnetz. Das erste sichtbare Zeichen, was auf Zivilisation hinweist, sind tatsächlich die Funkmasten. Die sind schon zwei, drei Flussbiegungen vor einem Ort zu sehen, weil die Masten über den Urwald herausragen. Das Netz ist weit davon entfernt, so stabil zu sein, wie wir es hier in Deutschland kennen. Doch die kurzen Nachrichten schaffen es fast immer. WhatsApp ist hier eine Bereicherung. Es ist die Möglichkeit, an der modernen Welt teilzuhaben.

Bei meinen ersten Reisen habe ich gedacht, dass die intensive Nutzung von WhatsApp, Twitter und Facebook vor allem in diesen entlegenen Dschungelregionen normal ist. Jetzt weiß ich es besser. Ganz Kolumbien ist WhatsApp-Land. Eine Begebenheit am Flughafen von Bogota bei der Einwanderungskontrolle war für mich diesbezüglich der Höhepunkt der Erkenntnis. In einem großen Raum im Sicherheitsbereich stehen an die 30 Schalter zur Passkontrolle nebeneinander. Die Reisenden mäandern in langen Reihen durch Absperrungsbänder. Die Beamten an den Schaltern sitzen erhöht, so dass Reisende ihre Pässe normalerweise nach oben reichen. Ich kam an den Schalter für Rollstuhlfahrer. Der ist niedriger. So konnte ich den Beamten gut bei seiner Arbeit beobachten. Mit der rechten Hand schob er meinen Reisepass in den Scanner, mit der linken Hand antwortete er auf gerade neu eingetroffene Nachrichten. Gut, vielleicht sehe ich nicht verdächtig aus, nur sollte er doch eigentlich kontrollieren, ob mein Pass und der Einreisestempel in Ordnung sind, oder?

In Neiva, einer lauten 350.000 Einwohner-Stadt auf dem Landweg von Leguízamo nach Bogota gelegen, habe ich einige Seminare an der Universität für Umwelttechnik besucht. Interessehalber wollte ich wissen, wie die Umweltbildung in Kolumbien ist. Das erste, was die Dozenten taten, wenn sie den Raum betraten, war: Tasche aufs Pult, Smartphone nebendran. Die wenigsten schalten in den Flugmodus. So ist auch für jeden Studenten zu hören, in welcher Taktung der Lehrende Nachrichten erhält. Oder in einem Imbiss in Bogota. Ich bestelle eine Empanada. Das ist eine Blätterteigtasche mit verschiedenen Füllungen, in meinem Fall mit Käse. Ich wünsche mir einen warmen Imbiss. Die Bedienung legt meine Empanada in die Mikrowelle und wendet sich strahlend… ihrem Smartphone zu, um die nächste Sprachnachricht abzuhören und zu sprechen. Passt genau in die 1.30 Minuten, bis die Mikrowelle mit einem Pling das Erreichen der Verzehrtemperatur anzeigt. Mein Getränk kann ich schließlich jetzt auch noch bestellen. Denn beim Anreichen der Speise schaut mich die Dame kurz und freundlich an.

Ich beobachte. Digitale Medien verändern unsere Kommunikationskultur. Das ist weltweit so. In einem Land ist es vielleicht früher oder extremer als im anderen. Doch vermutlich werden überall junge Menschen sonntagmorgens auf ihrem Bett liegen und lieber chatten, als rausgehen und was erleben. Manchmal stelle ich mir vor, wie diese jungen Menschen dann später mit ihren Partnern oder Kindern sprechen werden. Ich hoffe, dass sie es dann auch noch können, gesprochene Worte an echte Menschen. Ich hoffe, dass sie noch die Geduld haben, dicke Bücher zu lesen, Goethe, Márquez.

Das Blog-Foto übrigens ist in Jiri-Jiri entstanden. Ein indigenes Dorf am Rio Caquéta, das zu Puerto Leguízamo gehört. Dort läuft das erste Klimaschutzprojekt der Gemeinde Schondorf. Mit der Energie einer Flussturbine und Solarpanelen werden Bootsbatterien für ein Elektroboot geladen. Mit der überschüssigen Energie können die Dorfbewohner auch Akku-Taschenlampen wieder aufladen – und natürlich Handys. Wobei Jiri-Jiri keinen Empfang hat. Der nächste Ort liegt eine halbe Stunde flussabwärts. Aber immerhin ist das Handy dann geladen.

(Lesen Sie mehr zum ersten Klimaschutzprojekt im Dezember-Blog: Die Murui und die Flussturbine.)