Die deutsche Sprache kann etwas Einzigartiges. Sie kann lange Worte bilden, sehr lange, indem sie viele Hauptwörter aneinanderreiht. Der Fachbegriff lautet Mehrfachkomposita. Und das berühmteste ist sicherlich der Donau­dampfschifffahrts­gesell­schafts­kapitän. Die Erklärung dieser Wortungetüme lautet so: Die Bildung eines neuen Wortes durch die Verbindung mindestens zweier bereits vorhandener heißt Komposition oder Wortzusammensetzung.

Mir ist kürzlich in einer Gemeinderatssitzung ein Wort begegnet, das mich sofort an einen meiner Lieblingsautoren erinnert hat, an Mark Twain. Der amerikanische Schriftsteller ist vor allem bekannt durch die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Doch Mark Twain hat auch hervorragende autobiographische Reiseberichte geschrieben. Darunter 1880 „Bummel durch Europa“. Mark Twain war einige Zeit in Heidelberg. Ein Kapitel aus diesem Reisetagebuch ist das über „Die schreckliche deutsche Sprache“, denn Twain versuchte intensiv, Deutsch zu lernen und verzweifelte an Satzstellung, Deklinationen und Wortungetümen. Jeder, der wie ich die deutsche Sprache liebt, sollte diesen kurzen Aufsatz lesen. Ich habe zwei Stellen ausgewählt. „Eine der seltsamsten und merkwürdigsten Besonderheiten ist die Länge der deutschen Wörter. Einige deutsche Wörter sind so lang, dass sie eine Perspektive aufweisen. Zum Beispiel: Generalstaatsverordnetenversammlung. Diese Dinger sind keine Wörter, sie sind alphabetische Prozessionen. Und sie sind nicht selten; man kann jederzeit eine deutsche Zeitung aufschlagen und sie majestätisch quer über die Seite marschieren sehen.“

Ich komme zurück zu der Gemeinderatssitzung in Schondorf. Wir besprachen im Gremium einen Bebauungsplan. Es ist weiß Gott nicht der erste, den ich in meinem politischen Ehrenamt verabschiedet habe, doch erstmalig habe ich dieses Wort entdeckt: die Niederschlagswasserfreistellungsverordnung. Das sind 42 Buchstaben, fast zweimal das Alphabet. Das Wort hat natürlich einen Sinn und einen ernsten Hintergrund. Es geht darum, ob auf einem Grundstück bei starkem Regen das Wasser versickern kann. Nur bin ich mir sicher, dieser Vorgang hätte auch einen anderen Namen bekommen können. Eine ordentliche Abkürzung gibt es dazu NWFreiV. So sind sogar Muttersprachler raus, wenn ihnen diese Abkürzung in einem Text begegnet. Das ist dann die Geheimsprache von Bauleitplanern und anderen Behörden.

Alle Mitbürger, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, sind verloren mit solchen Wortmonstern wie der Niederschlagswasserfreistellungsverordnung. Nirgendwo können sie die nachschauen, denn das sieht der Duden nicht vor. Mark Twain verzweifelte an ähnlichen langen Wörtern und das Internet gab es noch nicht. Für den Amerikaner waren zusammengesetzte Worte wie Berge. „Wenn sich eine dieser großartigen Bergketten quer über die Druckseite zieht, schmückt und adelt sie natürlich die literarische Landschaft – aber gleichzeitig bereitet sie dem unerfahrenen Schüler großen Kummer, denn sie versperrt ihm den Weg. (…) Also wendet er sich hilfesuchend an ein Wörterbuch; aber da findet er keine Hilfe. Denn diese langen Dinger sind kaum echte Wörter, sondern eher Wortkombinationen, und ihr Erfinder hätte umgebracht werden müssen. Es sind zusammengesetzte Wörter, deren Bindestriche weggelassen sind. Die verschiedenen Wörter, aus denen sie aufgebaut sind, stehen im Wörterbuch, aber sehr verstreut, so dass man die Wörter nacheinander aufstöbern kann und schließlich einen Sinn herauskriegt. (…)Generalstaatsverordnetenversammlung‘ ist, soweit ich feststellen kann, bloß ein rhythmischer, überspannter, gespreizter Ausdruck für ‚meetings of the legislature‘.“

Es gibt ja für alles einen besonderen Tag, der „Tag des Lächelns“ war vergangenen Freitag. Ich rufe heute den „Tag des langen Wortes“ aus und mir ansehen, welche Bergketten ich heute erklimme. Einen schönen Tag allen, ich bin dann mal weg.

Mark Twain: Die schreckliche deutsche Sprache, aus: Bummel durch Europa