Die Kraft der Sprache im Beruf

Ich will ein Eis

Mit diesem Beispielsatz aus Kindermund erkläre ich oft in unseren Sprechperlen-Trainings, wie es kommt, dass wir so eine Scheu davor haben unseren Willen zu bekunden. Wenn ein Kind diesen Satz sagt, hört es oft von Papa, Oma, Tante: „Wie heißt das richtig? – Ich möchte bitte ein Eis.“ Später wundern wir uns dann, wenn junge Erwachsene nicht wissen, was sie in ihrem Leben wollen. Nun, das ist eine andere Geschichte.

Wollen ist ein Modalverb und die Überschrift meines Lieblingskapitels in dem neuen Buch von Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf, der Begründerin von Lingva Eterna. Es ist für mich das wichtigste Buch, das dieses Jahr erschienen ist. Es heißt „Die Kraft der Sprache im Beruf – Strategien für erfolgreiche Kommunikation“. Seit vielen Jahren fließt mein Wissen über Lingva Eterna, einem Sprach- und Kommunikationskonzept, mit in die Kommunikations- und Präsentations-Trainings ein. Es gibt viele Bücher von und über Lingva Eterna mit unterschiedlichen Themen. Jetzt ist endlich eins auf dem Markt, das alle praktischen Beispiele aus dem Berufsalltag der Menschen in den Fokus nimmt.

Ich komme zu den Modalverben im Berufsleben zurück. Was sind nochmal Modalverben? Es sind die Verben „dürfen, können, mögen, müssen, sollen und wollen“. Sie begleiten ein anderes Verb und verändern die Aussage erheblich. Ein Beispielsatz zwischen Kollegen ist: „Ich muss jetzt ins Meeting.“ Oft fehlt sogar das eigentliche Verb „gehen“. Ursprünglich heißt der Satz: „Ich gehe jetzt ins Meeting.“ Der Zusatz mit dem Modalverb „müssen“ verändert die Aussage von einer neutralen Aussage zu: „Ich habe gar keine Lust oder Zeit dazu.“

Die Modalverben geben einen unterschiedlichen Grad an Fremd- und Selbstbestimmung an. Das finde ich enorm spannend.  Das Modalverb „müssen“ zeigt den höchsten Grad von Fremdbestimmung an, während das Modalverb „wollen“ das höchste Maß an Selbstbestimmung aufzeigt. Hier ein einfacher Vergleich: „Ich muss den Bericht heute schreiben.“ oder „Ich will den Bericht heute schreiben.“ Bei der zweiten Variante bin ich Herrin des Geschehens, ich setze mir die Zeit fest und es ist meine Entscheidung das zu tun. Je nachdem wie ein Mensch die Modalverben einsetzt, sendet er eine Parallelbotschaft mit, wie seine Kollegen oder seine Chefin ihn wahrnehmen. Mit der Aussage „Ich muss heute den Bericht schreiben,“ zieht sich der Sprecher zurück, hat keine Zeit für andere Angelegenheiten, ist schlecht gelaunt, fühlt sich fremdbestimmt.

In juristischen Texten oder Vorschriften hat das Verb „müssen“ einen Sinn, denn es geht um Regeln, die für alle gleich gelten. Wenn wir doch in unserer Alltagssprache dauerhaft alles „müssen“ – vom Call mit dem Kunden, bis zur Bestellung, die wir fertig machen müssen, fühlen wir uns fremdbestimmt und überfordert. Wollen ist sprachgeschichtlich interessant. Das Modalverb „wollen“ ist verwandt mit dem Wort „wählen“. Das, was wir wählen, wollen wir. Beim Wollen haben wir also eine Wahl. Interessanterweise hat das „wollen“ nicht den besten Ruf, es kommt so bestimmend daher. Schon Kinder lernen, es zu vermeiden, wie das Beispiel an der Eisdiele zeigt. Kinder hören auch immer noch böse Sprüche wie: „Kinder, die was wollen, kriegn was auf die Bollen.“ Oder auch: „Ich hör immer nur ich will, ich will. Der Willi ist tot.“ Dabei ist die Lösung für Kinder einfach. Wir Erziehungsberechtigte können ihnen das „wollen“ lassen und ihnen beibringen, einen zweiten Satz hinzuzufügen, in dem sie um Erlaubnis fragen. „Ich will ein Eis. Darf ich jetzt eins essen?“

Bei Erwachsenen ist es so, dass sie oft nur wissen, was sie nicht wollen, aber nicht mehr, was sie wollen. Sie wollen nicht den Bericht schreiben oder sie wollen nicht die Rechnung versenden. Nur wollen sie ein neues Projekt übernehmen?

Es ist so erhellend, dieses Kapitel über die Modalverben zu lesen. Ich habe es schon mehrfach durchgearbeitet und immer neue Striche und Ausrufezeichen an den Rand des Buches gemacht. Lebensbejahende, erfolgreiche Menschen sind achtsam mit dem Einsatz von Modalverben. Sie benutzen diese Worte zielorientiert und das führt zu Erfolg im Beruf.

Zum Abschluss noch ein feinsinniges Gedicht, Quelle unbekannt.

Wenn ich nur darf, wenn ich soll,
aber nie kann, wenn ich will,
dann mag ich auch nicht, wenn ich muss.
Wenn ich aber darf, wenn ich will
dann mag ich auch, wenn ich soll,
und dann kann ich auch, wenn ich muss.
Denn schließlich, die können sollen,
müssen auch wollen dürfen.

 

Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf, Die Kraft der Sprache im Beruf, Herder Verlag

Zum Buch geht’s hier entlang.

 

Suche

Jeden frischen Blog lesen!

Wir nutzen Ihre E-Mail-Adresse nur, wenn wir einen neuen Blog-Artikel veröffentlichen. Zum Versand nutzen wir den Newsletter-Anbieter sendinblue. Es gilt unsere Datenschutzerklärung.

Nach oben scrollen