Heute früh bei meiner Tasse Kaffee habe ich überlegt, ob ich über die Bundestagswahl schreiben soll. Themen gibt es viele: Jamaika, Rechtsruck, SPD in der Opposition. Ich habe mich dagegen entschieden. Wir  können gerade viele Kommentare und Blogs lesen. Ich werde im Laufe der Woche Worte sammeln. Ich bin schon gespannt, was die politischen Akteure die nächsten Tage sagen werden.  Und dann wird es von mir einen polit-sprachlichen Blog geben.

So handelt der heutige Blog von einem unerhörten Vorgang in der französischen Spitzengastronomie und den Worten „schnell“ und „kurz“. Der französische Spitzenkoch Sébastien Bras will seine drei Michelin-Sterne nicht mehr. Die Sterne sind die höchste Auszeichnung, die ein Koch bekommen kann.

Sein Restaurant liegt auf einem Hochplateau im französischen Zentralmassiv, auf dem Weg von Lyon nach Toulouse. Die Landschaft dort ist rau, einsam und ursprünglich. Die Gäste haben durch große Glasfronten einen freien Blick in die Landschaft. Der Spitzenkoch nicht. Er will seine Freiheit wieder. Die drei Sterne bedeuten für den 46-jährigen Bras inzwischen zu viel Druck. Er hat fast 20 Jahre auf Top-Niveau gearbeitet. Er wolle seinem Leben einen neuen Sinn geben und nicht ständig in Angst arbeiten, bewertet zu werden. Die Süddeutsche Zeitung schreibt darüber und zieht den Bogen zu uns allen. „Stress und Druck sind die Silben unserer Zeit. Nicht nur für Köche, sondern auch für alle, die sich mit dem gesellschaftlichen Imperativ Du-genügst-nicht identifizieren.“*

In unseren Präsentations- und Kommunikationstrainings hören wir oft diesen Druck. Die Teilnehmer „müssen“ so viel und das meistens „schnell“. Ihre Sprache enthüllt, wie sehr sie unter Druck stehen. Auch das Sprechtempo zeigt den Stresslevel. Die Menschen gönnen sich nicht mal mehr eine Pause zum Luftholen.

Manchmal geht es mir auch so. Ich gerate unter Druck und suche nach Möglichkeiten, damit umzugehen. Schon länger verzichte ich auf das Wort „schnell“ und verringere meine „müssen-Liste“. Nur sucht sich der Druck, den ich innerlich spüre, einen anderen Weg. Mir passiert das zum Beispiel, wenn ich ein Training gebe und meinen eigenen Zeitplan einhalten will. Mein Anspruch ist, dass die Teilnehmer viel mitnehmen. Dann benutze ich statt „schnell“ das Wort „kurz“. Ich will dann noch „kurz eine Rückmeldung geben“ und „kurz eine Übung anleiten“. Was ist die Lösung? Den ersten Schritt habe ich getan: Innehalten und sich bewusst werden. Ich will zu viel in einen Tag, in eine Stunde hineinpacken. Es ist dieser schmale Grat zwischen einen abwechslungsreichen Trainingstag gestalten und Pausen schaffen, damit das Neue ankommen kann.

Auch Sébastien Bras serviert seine Gerichte mit Pausen dazwischen, damit es ein Genuss bleibt – und keine Völlerei. Ich wünsche Sébastien Bras, dass er die Freiheit der Sterne wieder sehen und spüren kann. Sie leuchten über uns. Wir brauchen bloß hochzuschauen. Und es gibt mehr als drei.

*Süddeutsche Zeitung, 22.09.2017, S.10, Panorama