Der Wert der Wertschätzung

In den letzten zwei Wochen habe ich viel Zeitung gelesen und auch einige Diskussionsrunden im Fernsehen geschaut. Nach der Wahl ist vor der Wahl. Während sich CDU und CSU zusammenraufen, die Kanzlerin erste jamaikanische Gespräche terminiert, steigt die Aufregung vor der Wahl in Niedersachsen.  Es wird derzeit viel über Politik gesprochen. Manchen Mitmenschen ist das zu viel. Die sind dann „politikverdrossen“. Ich bin nur „Politiker-Sprech-verdrossen“.

Altmodischer gesagt: Oft fehlt mir in den Talkshows der „gute Ton“.  Es fehlt die Wertschätzung des Gegenübers, auch und gerade wenn die Sprechenden unterschiedlicher Meinung sind. Ich bin zunehmend genervt davon, wenn Spitzenpolitiker sich mit Häme überziehen, ins Wort fallen oder persönlich werden. Das ist doch wie im Kindergarten. Ich habe Respekt vor den gewählten Repräsentanten unserer Demokratie. Sie tragen Verantwortung und kassieren viel Kritik. Ich erwarte allerdings von Berufspolitikern, dass sie sich in der Sache auseinander setzen statt beschimpfen.

Es gibt offensichtliche Frontalangriffe wie „in die Fresse hauen“.  Und es gibt kleine Worte, die die Atmosphäre vergiften. Eines davon ist „maßlos“.  Ein CSU-Bürgermeister aus dem Landkreis Fürth hat dieses Wort kurz nach der Bundestagswahl benutzt, um sein Gefühl über Parteichef Horst Seehofer und das schlechte Abschneiden seiner Partei zum Ausdruck zu bringen. „Von der Leistung unseres Parteivorsitzenden sind wir maßlos enttäuscht.“   Mir geht es um das Wort „maßlos“. Reicht es nicht aus, enttäuscht zu sein? Muss sich die Enttäuschung noch steigern lassen? Also ein bisschen enttäuscht, enttäuscht, maßlos enttäuscht? Oder wie? Wenn ich mir vorstelle, ich stehe jemandem gegenüber und sage ihm: „Ich bin enttäuscht von Dir“. Das ist doch schon eine starke Gefühlsäußerung.

Die Überschrift zu diesem Blog lautet „Der Wert der Wertschätzung“. Ich habe die Wertschätzung meines Gesprächspartners als etwas Fundamentales kennen gelernt, als eine der drei Säulen der Kommunikation (neben der Klarheit der Botschaft und der Präsenz des Sprechers). * Ich wünsche mir und unseren Politikern, dass in den Diskussionen um Werte in Deutschland auch die Wertschätzung der Gesprächspartner wieder einen Stellenwert bekommt.

*Das Lingva Eterna Sprach- und Kommunikationskonzept ruht auf den 3 Säulen: Klarheit der Botschaft, Präsenz des Sprechers, Wertschätzung für den Gesprächspartner, in „Meine Sprache und ich“, Theodor von Stockert, S.155 ff.

3 Kommentare zu „Der Wert der Wertschätzung“

  1. Ich gucke praktisch nie Diskussionsrunden oder Talkshows. Von daher kann ich auch nicht beurteilen, ob der Ton generell rauher und unhöflicher geworden ist, ob die Wertschätzung des Gesprächspartners abgenommen hat. Wenn dem tatsächlich so ist, dann muss es einen Grund dafür geben. Meistens ist der Grund für ein bestimmtes Verhalten der, dass es einfach funktioniert. Wenn Politiker also andere persönlich beleidigen und hämisch runtermachen, dann haben sie das vermutlich als erfolgreiche Strategie erfahren. Würde so ein Verhalten von den Wählern abgestraft, dann hätten sie damit längst wieder aufgehört.

  2. Ich vermute eher, dass die persönlichen Angriffe ein Ablenkungsmanöver ist. Es lenkt davon ab, dass viele Politker keinen eigenen Standpunkt zu einem Thema haben oder besser gesagt diesen nicht kommunizieren wollen. Denn er könnte sich ändern. Und dann bekommen sie schlechte Presse.

  3. Es mag durchaus ein Ablenkungsmanöver sein, aber eben eines das funktioniert. Da müssen wir uns alle selber an die Nase fassen, wie wir mit solchen Gestalten umgehen. Klopfen wir uns lachend auf die Schenkel, weil einer so richtig die Sau raus lässt, oder wenden wir uns von solchen hohlen Polterern ab?

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