Neulich wollte ein Teilnehmer eines Sprechperlen-Trainings wissen: „Wie kann ich die Zeichen aus dem Publikum richtig deuten? Woran sehe ich, ob die Menschen mir gerne zuhören oder nicht?“ Meine Antwort lautet: „Das sehen Sie leider meistens gar nicht.“ Es gibt nur wenige Menschen, die interessiert zuhören und das auch in ihrer Körperhaltung zeigen. Das ist anstrengend für den Rücken, gerade zu sitzen. Es erfordert auch viel Aufmerksamkeit für die Gesichtsmuskulatur. Freundlich schauen, mit den Augen folgen, manchmal nicken.

Ich vermute, dass die Einzigen, die so aktiv mit ihrem Körper bei einem Vortrag dabei sind, die Situation selber kennen. Sie standen vorne und hatten keine Ahnung, ob ihre Botschaft in den hinteren Stuhlreihen ankommt. Die Zuhörer schauen irgendwo hin, rutschen an den Rückenlehnen leicht abwärts und die Mundwinkel sind ähnlich wie bei einem Fisch. Eher unbeweglich, leicht nach unten gezogen.

Doch vielleicht hören Ihnen die Menschen dennoch zu. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ich habe in der Grundschule meines Heimatortes ein Projekt zum Thema Sprache gemacht. Eine Doppelstunde lang waren zehn Grundschüler „Sprachdetektive“. Natürlich habe ich das Thema interaktiv aufbereitet und viele Fragen gestellt. Alle Kinder kamen dran. Wir saßen in einem Stuhlkreis beieinander. Ein Erstklässler hatte meines Erachtens große Konzentrations-Schwierigkeiten. Er rutschte mehrfach vom Stuhl, setzte sich auch verkehrt rum und zappelte viel. Ich war mir sicher: Dieser Junge bekommt nichts mit. Zwei Wochen später traf ich ihn und seinen Vater auf dem Weg zum Fußballplatz. Ich fragte den Vater, ob der Sohn etwas von dem Projekt „Sprachdetektive“ zu Hause erzählt hätte. Und zu meinem großen Erstaunen hatte dieser Siebenjährige nicht nur davon erzählt. Er hatte alles verstanden und umgesetzt. Das war anspruchsvoll. Ich hatte die Kinder zum Beispiel den Konjunktiv spüren lassen. Wir hatten die Wirkung folgender Sätze ausprobiert: „Könntest Du mir die Butter geben?“ oder „Bitte gib mir die Butter.“ Der kleine Zappelphilipp hat seinen Vater nach dem Sprachprojekt immer beim Frühstück korrigiert. Wenn der Vater sagte: „Könntest Du dies und jenes tun?“ antwortete er: „Ja Papa, könnte ich. Soll ich auch?“

Das erlebe ich immer wieder. Scheinbar teilnahmslose Zuhörer haben in Wahrheit alles verstanden. Sie hören bloß konzentriert zu und haben keine Kapazitäten frei, dabei auch noch freundlich auszuschauen. Leider sind diese Menschen äußerlich nicht von denen zu unterscheiden, die sich tatsächlich langweilen. Auch der Blick aufs Handy zeigt nicht verlässlich, ob ein Zuhörer noch dabei ist oder irgendwo im weltweiten Netz abdriftet.

Wenn Sie bei der nächsten Präsentation dem Menschen vorne den Tag retten wollen, nehmen Sie einfach Haltung an. Aufrecht sitzen, zugewandt schauen und dann und wann mal ein freundliches Gesicht. Das ist übrigens auch gut für Ihre Rückenmuskulatur.

Der nächste Blog wird am 7. November erscheinen. Wir Sprechperlen machen Herbstferien.