Der Instinkt ist eine feine Sache. Er sagt uns bei Gefahr, wann wir rennen sollen und wann nicht. Beim Thema Wasserqualität funktioniert er leider nicht. Der menschliche Instinkt führt uns hier in die Irre. Wir rümpfen die Nase, wenn Wasser riecht oder einen Beigeschmack hat. Die wirklich schlimmen Keime und Verschmutzungen sind geschmacks- und geruchsneutral. Vor denen schrecken wir nicht zurück. Das habe ich gerade in Kolumbien erlebt. Darüber und warum ich Bildung allgemein und meinen Wasserversorger im speziellen großartig finde, schreibe ich im heutigen Blog.

Mein Heimatort Schondorf und das im Süden Kolumbiens gelegene Puerto Leguízamo verbindet seit drei Jahren eine Klimapartnerschaft. Mit Bundesmitteln werden Projekte gefördert. Aktuell läuft ein Projekt, um Trinkwasser in Dörfer und Schulen außerhalb des Stadtgebietes zu bringen. Dort gibt es keine Wasserversorgung.

Hauptaugenmerk des Projektes ist die Ausbildung von kolumbianischen Brunnenbauern. Sie lernen, wie sie Brunnen bohren und graben und wie sie ihre Werkzeuge selber reparieren können. Ein wichtiger Teil der Ausbildung ist auch das Wissen um die Bodenbeschaffenheit. Rund um Leguízamo ist die Erde rötlich, mal gelblicher, mal rostrot. Sie enthält viel Eisen. Im Wasser, das aus den neuen Brunnen kommt, ist Eisen enthalten und das sorgt für einen leicht metallischen Geschmack. Und jetzt setzt der menschliche Instinkt ein: Wasser mit Beigeschmack ist gefährlich, ich trinke es lieber nicht.

Eine durchaus verständliche Reaktion mit fatalen Folgen. Eisen macht dem Körper nichts. Die Alternative zu dieser Jahreszeit ist, Flusswasser zu trinken. Seit Anfang Dezember scheint die Sonne ununterbrochen, alle Regenwasservorräte sind aufgebraucht. Diese werden auch meist nur in offenen Tonnen gesammelt. Der Fluss hat obendrein Niedrigwasser, das heißt die Konzentration an Kolibakterien durch menschliche und tierische Verunreinigung ist noch höher als sonst. Die weiter oben am Fluss gelegenen Orte leiten ja dieselbe Menge an ungeklärtem Schmutzwasser wie zur Regenzeit ein. Ganz zu schweigen von den Schwermetallen, die im Flusswasser sind. Doch die Gewohnheit und der Instinkt der Anwohner sorgen dafür, dass sie eher Flusswasser, statt Brunnenwasser trinken.

An dieser Stelle braucht es, um gesund zu bleiben, ein Grundwissen um chemische Reaktionen. Das Eisen im Wasser braucht „nur“ ausreichend Sauerstoff, um „auszufallen“. Dann sinkt es zu Boden und das Wasser schmeckt wieder frisch. Unter der Erde, da wo das Wasser hochgepumpt wird, gibt es nicht genügend Sauerstoff für diese Reaktion. Es bräuchte erstmal ein Becken, in dem das Wasser zur Ruhe kommen und „atmen“ kann. Oder das Wissen, dass das im Wasser gelöste Eisen unschädlich ist. All das gilt es den Dorfbewohnern zu vermitteln. Das Wissen, das am Ende Gesundheit bringt. Bildung bringt Fortschritt. So klar habe ich es schon lange nicht mehr gespürt. Und es fühlt sich anders an, als wenn ich meinen Kindern sage, dass es ein Privileg sei, in die Schule zu gehen.

Hier in Deutschland müssen wir Normalbürger das auch nicht wissen, wir haben hervorragende Wasserwerke, die  dafür sorgen, dass wir zu jeder Tages- und Nachtzeit den Wasserhahn aufdrehen  und uns ein Glas Wasser einschenken können. Das ist ein großer Luxus, den ich jetzt wieder – zurück aus Kolumbien – zu schätzen weiß.