Gerade habe ich einen Sprach-Workshop in einem Krankenhaus geleitet. Das Krankenhaus ist groß, vom Erdgeschoss in den ersten Stock führt sogar eine Rolltreppe. Oben angekommen entdecke ich die Schilder, die zum Veranstaltungssaal führen. Auf dem Schild steht das Motto der Veranstaltung: „Ein Knackpunkt ist die Überleitung“. „Klasse Überschrift!“, denke ich mir und lächele.

In meinem alltäglichen Sprachgebrauch nutze ich diese Worte anders, als die Veranstalter es meinen. Ich trainiere Menschen, die Vorträge und Präsentationen halten. Ein wichtiger Punkt sind die Überleitungen von einem inhaltlichen Thema zum nächsten. Viele Redner vergessen überleitende Worte und verlieren so ihre Zuhörer. Eine einfache Überleitung ist zum Beispiel: „Das waren alle Zahlen zum vergangenen Jahr. Ich komme jetzt zu den geplanten Marketing-Aktionen.“ Wenn so ein Satz fehlt, haben die Zuhörer das Gefühl, der Präsentierende überschütte sie mit Informationen.

Soweit mein Sprachempfinden. Doch heute im Workshop arbeite ich mit Ärzten und Pflegern einer Palliativstation. Hier bekommen Patienten, die unheilbar krank sind, Medikamente, um ihre Schmerzen zu lindern. Was bedeutet das Wort „Überleitung“ für diese Ärzte, Pfleger und Sozialdienste? Mit Überleitung meinen sie die Schnittstelle vom stationären zum ambulanten Bereich. Es ist die herausfordernde Situation, dass ein Patient jetzt die richtigen Medikamente bekommt und wieder nach Hause soll. Und wenn nach Hause nicht mehr geht, in eine Pflege.

Im Workshop tauschen sich die Teilnehmer über Worte und deren Wirkung aus. Die Ärzte und ehrenamtlichen Hospizhelfer benutzen neben dem Wort  „Überleitung“ auch noch das Wort „Entlassung.“ Für mich sind in diesem Zusammenhang beide Wörter schwierig. Überleitung klingt wie Umleitung. Nach einem Unfall oder bei einer Baustelle muss ich von der Autobahn runter und eine Umleitung fahren. Wohin die geht, weiß ich nicht. Ich verlasse das mir bekannte Terrain und hoffe, dass überall Schilder aufgestellt sind.

Die Formulierung „Entlassung aus dem Krankenhaus“ hat bei Menschen der Palliativstation eine ganz andere Wirkung, als wenn ein Patient ein gebrochenes Bein oder eine Blinddarmentzündung hatte. Der freut sich, nach Hause zu kommen. Auf der Palliativstation gibt es keine Heilung mehr, nur lindern. So haben die Patienten und Angehörigen dort noch keinen Plan B, keine Pflege, keine Idee, wer für den Kranken sorgen wird. Und so ist die „Entlassung“ Stress pur.

Menschen, die weder Arzt noch Pfleger sind, denken beim Wort „Entlassung“ eher an die Kündigung der Arbeitsstelle. Damit hat das Wort eine deutlich negative Wahrnehmung bei vielen Menschen.

Jetzt stellen Sie sich folgende Situation vor, eine 82-jährige Patientin sitzt mit ihrem Sohn in der Palliativstation und hört folgenden Satz: „Frau Müller, wir müssen uns darüber unterhalten, wie es nach der Entlassung weitergehen soll.“  Studien zeigen, dass in Stress-Situationen wie diesen nur 20% des Gesagten ankommen. So wird es wohl ein schwieriges Gespräch werden, auch weil der Sohn dicht macht, sobald er das Wort Entlassung hört.

Wie geht es ohne das Wort „Entlassung“? Was können Pflegekräfte, Ärzte und Ehrenamtliche stattdessen sagen? Vielleicht so: „Frau Müller, Sie können nächste Woche wieder nach Hause. Wie haben Sie bislang Ihren Alltag organisiert?“ Oder auch die Variante, wenn klar ist, dass es ohne Hilfe nicht mehr geht: „Frau Müller. Sie werden nächste Woche aus dem Krankenhaus kommen. Sie werden Hilfe brauchen. Wie haben Sie bislang Ihren Alltag organisiert?“

Manchmal sind es nur ein oder zwei Worte, die den Unterschied machen. Diese Worte können Menschen wertschätzend die Richtung weisen, in die sie gehen können.