Am Morgen nach der US-Wahl habe ich mir wie viele verwundert die Augen gerieben. Zum Wahlausgang sagte meine innere Stimme: „Das kann doch nicht wahr sein.“ Zum dritten Mal in kurzer Zeit las ich kopfschüttelnd Ergebnisse und Kommentare. So ging es mir schon nach dem Brexit und dem abgelehnten Friedensabkommen in Kolumbien.

Was mich am Tag danach allerdings tief beeindruckt hat, war die Rede der Verliererin. Hillary Clinton hält die demokratischen Werte hoch. Sie gratulierte Donald Trump. Sie bot ihm ihre Zusammenarbeit zum Wohl Amerikas an. Und dann kamen in ihrer Rede, die sie vor allem auch an ihre Wahlkampfhelfer richtete, diese zwei Sätze: „Donald Trump is going to be our president. We owe him an open mind and the chance to lead.“ Als erstes spricht sie aus, was viele ihrer Anhänger nicht wahrhaben wollen. Donald Trump wird ihr nächster Präsident sein. Dann fordert sie eine Geisteshaltung ihrer Anhänger für den politischen Gegner, die sicher manche schlucken lässt. „Wir schulden ihm Aufgeschlossenheit und die Chance zu führen.“

Open mind“ lässt sich mit „Aufgeschlossenheit“ übersetzen. Im Wort aufgeschlossen steckt  zunächst das Wort geschlossen. Das Bild, was ich habe, ist ein Mensch, dessen Grundhaltung verschlossen ist und der dann eine Anstrengung unternimmt, um sich zu öffnen.

Open mind“ Wort für Wort übersetzt heißt „offener Geist/Verstand“. Das finde ich noch treffender. „Wir schulden ihm einen offenen Geist.“ Das ist etwas, das ich an so vielen Ecken in unserem Land und auch im Ausland vermisse. Es ist die Wertschätzung meines Gegenübers. Er ist ein Mensch. Ein Mensch mit einer anderen Meinung. Vielleicht werden wir auch nicht zu einer Meinung kommen. Ich darf sehr wohl prüfen, wie ich die Ansichten des anderen finde. Doch offen anhören, versuchen, die Lage des anderen zu verstehen. Das braucht unsere Gesellschaft.

Wortlaut von Hillary Clintons Rede: http://www.sueddeutsche.de/politik/us-wahl-clinton-wuenscht-trump-eine-erfolgreiche-praesidentschaft-1.3242950