Im heutigen Blog geht es weniger um ein einzelnes Wort, sondern um das große Ganze. Ein Blick in die Medienlandschaft und zwei Filmempfehlungen von und mit Sprechperlen.

Das Internet verändert unsere Sehgewohnheiten. Dabei macht sich die digitale Technologie zunutze, dass ein Blick eine sehr kurze Zeiteinheit ist. Ein Wimpernschlag. Unser Gehirn ist in der Lage, sehr schnell visuelle Eindrücke zu verarbeiten. Das kommt sicher noch aus der Zeit, als wir vor Mammuts und Säbelzahntigern fliehen mussten. Nur wer schnell die Sicherheitslage richtig einschätzen konnte, der überlebte. Ein visueller Reiz überlagert auch meist alle anderen Sinneseindrücke. Wenn Sie sich zum Beispiel mit jemandem unterhalten und im Hintergrund läuft ein Fernseher, dann wird Ihr Blick immer wieder abschweifen. Genauso funktioniert Werbung im Internet. Sie lesen einen Text und ping, an der Seite poppt ein Reiseangebot auf. Ihre Augen registrieren das.

Das Fernsehen hat sein Alleinstellungsmerkmal verloren, Filme und Beiträge zu senden. Ich kritisiere das nicht, ich beobachte. Die zeitliche Verfügbarkeit und die technischen Möglichkeiten haben das Internet zu einem großen Videoportal gemacht. Jeder kann zu jeder Zeit in der Mediathek der großen Sender Nachrichten, Filme und Dokumentationen abrufen. Er kann genauso auf den gängigen Videoportalen „Selbstgedrehtes“ anschauen, mehr oder weniger professionelle Auftritte von Bloggern und Clips von abstürzenden Katzen. Auch das verändert unsere Sehgewohnheiten.

Viele Unternehmen haben inzwischen auch einen Film auf ihrer Homepage, der ein Produkt oder den Geschäftsführer vorstellt. Bis vor kurzem galt hier noch die Richtlinie, dass diese Unternehmensfilme nicht länger als drei Minuten sein sollten. Sonst schaut sie niemand an. Inzwischen ist die Empfehlung, unter einer Minute zu bleiben. Solche Filme habe ich gerade für das Lingva Eterna Sprachinstitut gemacht. Kurze, unterhaltsame Filme. Alle sind unter einer Minute. Sie zeigen in bewegten Bildern Beispiele für gewandelte Sprache. Der erste Videoclip ist übrigens zum Thema über das Wort „schnell“.

Zum Lingva Eterna-Videoclip

Facebook geht da noch viel weiter, die Empfehlung der Macher ist: Die größte Chance auf Weiterleiten, Liken und Verbreiten haben Clips von 15 Sekunden. Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen. 15 Sekunden. Was wird in 15 Sekunden gepostet? Ein kurzer Ausschnitt aus dem Leben, vielleicht wie jemand den Rodelhang runterfährt oder sich ein Glas Wein einschenkt und schwenkt. Was dauert 15 Sekunden?

Von Journalisten hören wir immer wieder die Klage, wie schwer es heute sei, eine 45-minütige Dokumentation zu machen, die ohne redaktionellen Text auskommt. Wo die Worte der gefilmten Menschen einfach klingen können und Aussagen für sich stehen. Das ist selten geworden. Sogar beim Bayerischen Rundfunk. Dem Filmemacher Uli Kick ist es dennoch geglückt: Sein Film über Verena Bentele, der blinden, ehemaligen Spitzensportlerin und aktuellen Behindertenbeauftragten, ist 45 Minuten lang.

Manchmal bin ich als Zuschauer solcher Filme gefordert, mitzudenken. Oder darauf zu vertrauen, dass sich alles erklären wird, wenn ich nur die Geduld habe, länger hinzuschauen. Wenn Sie Ihren Augen „Slow View“ anbieten wollen, dann schauen Sie sich die „Lebenslinien“ an. Wir Sprechperlen sind auch dabei. Allerdings brauchen Sie ein klein wenig Geduld, denn der Sprechperlen-Auftritt kommt erst gegen Ende dieser sehenswerten Dokumentation über eine starke Persönlichkeit.

Zur BR-Dokumentation Lebenslinien: Verena Bentele – Und plötzlich Politik