Neulich morgens um acht Uhr in Hamburg. Ich bin gemeinsam mit meiner Sprechperlen-Partnerin Britta auf dem Weg vom Hotel zu einem Kunden. Zügigen Schrittes gehen wir eine befahrene Straße entlang und ziehen die Koffer hinter uns her. Um halb neun werden wir ein Training zum Thema Video-Konferenzen geben. Es ist laut und hektisch. Auf der anderen Straßenseite ist eine große Baustelle. Da fällt mein Blick auf die Baustellenzäune. Sie sind mit Folien verhängt. In einer schnörkellosen weißen Schrift steht da auf schwarzem Untergrund: „Muße statt Müssen“. Das ß – ein vom Aussterben bedrohter Buchstabe – ist in einer altdeutsch anmutenden Version geschrieben.

Muße statt müssen. Jetzt frage ich Sie, liebe Blog-Leser: Wie oft benutzen wir jeden Tag das Wort müssen? Oft, zu oft.
Wann haben wir das letzte Mal das Wort Muße ausgesprochen? Oh je, ich weiß es schon gar nicht mehr. Und wer weiß überhaupt, dass müssen und Muße miteinander verwandt sind?
Ein Blick ins Herkunftswörterbuch ist an dieser Stelle erhellend. Bei müssen finde ich: „Müssen stammt von messen ab. Im Sinne von sich etwas zugemessen haben. Zeit, Raum, Gelegenheit haben, etwas tun zu können. Es ist eng verwandt mit Muße. Es stammt aus der großen und alten Wortgruppe von Mal = Zeitpunkt.“
Aha, ich muss also nur etwas tun, wenn ich angemessen Zeit und Raum dafür habe. Mir ist so, dass ich in 95% aller Fälle, in denen ich müssen im Alltag höre und sage, weder Zeit, Raum, noch Gelegenheit in ausreichender Fülle da sind.
Noch schöner wird es im Herkunftswörterbuch unter Muße. Dieses Wort gibt es nur im Deutschen. Es steht für: Untätigkeit, Ruhe, freie Zeit.
In unseren Trainings hören wir oft müssen. Die meisten Menschen fühlen sich durch das Verb müssen unter Druck gesetzt. Von sich selbst oder von anderen. Häufig sind es Handlungen, die sie nicht wollen. Sie fühlen sich fremdbestimmt. Vom Chef, von der Familie, vom Leben allgemein.
Seien Sie achtsam mit diesem Wort. Müssen Sie weniger und wenn, dann im ursprünglichen Sinne:
In der angemessenen Zeit – mit Muße.

P.S. Noch ein Nachtrag für Sprachliebhaber, die gerne in die Tiefe gehen. Im Herkunftswörterbuch habe ich noch ein Verwandtschaftsverhältnis von müssen gefunden. Müssen ist verwandt mit angemessen und ermessen. Das gibt mir als Sprecher eine Aufgabe, eine Verantwortung. Ich muss (das müssen habe ich jetzt bewusst gewählt) selbst dafür sorgen, dass ich den Dingen, die ich tue, die angemessene Zeit einräume. Dass ich auch achtsam bin, eine gute Gelegenheit für mein Tun auszuwählen. Nicht jede Handlung passt an jeden Ort. Ich habe es in der Hand.