Ich habe eine Freundin, die ist ein Problembär. Wenn ich sie treffe, seufzt sie und das Leben ist schwierig. Die Chefin übersieht sie, die Kollegin ist unkollegial und Home-Schooling kostet sie den letzten Nerv. Sie jammert oft. Und dann habe ich auch noch eine entfernt Verwandte, die ständig nörgelt. Sie möchte ein neues Sofa kaufen, aber es gibt keine schönen, bequemen Sofas mehr, die sie sich auch leisten kann. Es ist zu heiß in ihrer Wohnung und die Leute sollen doch bitteschön jetzt zu Corona-Zeiten nicht verreisen. In Bayern heißen die Nörgler auch Grantler. Wobei da noch etwas Liebevolles dabei ist.

Ich bin mir sicher, dass Sie alle solche Menschen kennen. Ich höre ihnen gerne zu, denn es ist sprachlich gesehen sehr interessant. Wussten Sie, dass Sie Ihre Unzufriedenheit schon allein mit Worten mildern, ja sogar abstellen können – natürlich nur wenn Sie wollen. In dem neuen Buch „Ein lautes Ja zum Leben sagen!“ von Mechthild von Scheurl-Defersdorf und Theodor von Stockert gibt es ein Kapitel über unzufriedene Menschen. Es handelt von den chronischen Nörglern, den Jammerlappen, den Schwarzmalern und den Lästerern – und den sprachlichen Begleiterscheinungen. Diese Begleiterscheinungen sind zum Beispiel die Wörter „immer, nie, alle und jeder“. Denn der gewohnheitsgemäße Gebrauch von Verallgemeinerungen ist Gift für ein zufriedenes Leben. Das sind dann Sätze wie „Das ist doch jeden Tag das Gleiche.“ Oder auch: „Nie hörst Du zu.“ Oder so ein Satz: „Diese Jugendliche sind alle gleich, ständig spielen sie Bierpong, machen dazu laut Musik und lassen ihren Müll liegen.“

Schon beim Lesen dieser Sätze ist Ihnen klar, dass sie übertrieben sind. Die kleinen Worte „immer, nie, alle und jeder“ machen normale Aussagen zu Vorwürfen. Kritik, die durchaus berechtigt sein kann, wird zum Frontalangriff. Das Kapitel ist amüsant zu lesen und entlarvend zugleich, denn ich habe mich auch entdeckt. Wer mich kennt, weiß dass ich ein wahrlich positives Menschenkind bin und meine Zukunft eher golden als schwarz sehe. Dennoch habe ich mich ertappt gefühlt, zum Beispiel das Wörtchen „immer“ benutze ich.

Ich habe beim Korrektur-Lesen meines heutigen Blogs dreimal das Wörtchen „immer“ gleich im ersten Absatz entdeckt. Ich war schockiert. Das habe ich gleich geändert, denn ich will diese Verallgemeinerungen nicht mehr in meinem Leben haben. Ach, und falls Sie sich fragen, was der Specht mit meinem heutigen Thema zu tun hat. Hier ist die Erklärung: Ich hätte jammern können. Der Specht hat Sonntagfrüh um kurz vor sechs die Weide in meinem Garten bearbeitet. Das war so laut, dass ich davon aufgewacht bin und nicht mehr einschlafen konnte, obwohl ich noch so müde war. Oder ich könnte mich freuen, dass der Specht die Raupen des Weidenwicklers rauspickt, die meinem Baum so zusetzten. Dann könnte ich auf Zehenspitzen auf die Terrasse schleichen und mich daran freuen, wie schön es ist, Sonntagmorgens bei den ersten Sonnenstrahlen von einem Specht geweckt zu werden. Wir haben die Wahl.

„Ein lautes Ja zum Leben sagen! Zufrieden werden mit bewusster Sprache“, Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf und Theodor von Stockert, Herder Verlag