Mein Sohn sagte unlängst zu mir, ich sei schon speziell. Er sagte es, als ich mit meiner Beute vom Buchhändler in unserem Dorf zurückkam. Ich habe mich bereits für die Pfingstferien mit Lesestoff eingedeckt. Ein mit dem Pultizerpreis ausgezeichneter Roman, eine Abhandlung über die verlernte Kunst des Wartens und eben dieses Buch aus dem Duden-Verlag, auf das sich der Kommentar meines 13jährigen Sohnes bezog: „Hand aufs Herz – Redensarten von Kopf bis Fuß und ihre wunderbaren Geschichten“ von Rolf-Bernhard Essig. Andere Menschen würden zu Krimis spannend sagen, ich finde Geschichten über Redensarten und Sprache faszinierend.

Deswegen habe ich heute eine kleine Best-of-Selection, beginnend mit dem Begriff „jemanden Honig ums Maul schmieren“. Es meint, jemanden zu schmeicheln, oft um ihn zu täuschen. Diese Redensart setzt Honigsüße mit freundlichen, schmeichelnden Worten gleich und ist seit dem hohen Mittelalter bekannt. Die Gabe der süßen Worte vergleicht diese Redensart mit dem Trick von Ärzten ihren Patienten – oft Kindern – bittere Medizin einzuflößen. Zuerst schmierte der Doktor Honig um den Mund. Schleckte der Patient danach, schob der Arzt die bittere Pille nach.

Ich mag diese Redensarten, weil sie den Wortschatz beleben und oft Kino im Kopf auslösen. Es bereichert unsere Sprache und ist nicht so kalt und unsexy wie „Gesamt-IT-Lösung“ oder „Marketingmix“ oder „additive Fertigungsverfahren“, es ist halt keine Arbeitssprache oder Entlehnungen aus dem Marketing- oder Managementsprech. Ich wusste zum Beispiel nicht, woher der Ausdruck „Halt die Ohren steif!“ kommt. Bei Tieren wie dem Reh oder dem Hasen, sieht man an den schlaffen Ohren, dass sie müde sind. Gespitzte Ohren dagegen zeigen Erregung und Vitalität an. In Analogie dazu meint der Wunsch „Halt die Ohren steif!“, dass sich die Person von Herausforderungen des Lebens nicht den Elan und die Kraft rauben lässt, sondern die Sache forsch angeht.

Das „blaue Blut“ kommt übrigens aus Spanien. Und zwar zu der Zeit, als auf der iberischen Halbinsel die Mauren herrschten, was das griechische Wort für „braun“ ist. Im Gegensatz zu den Mauren und den normalen sonnenverbrannten Landarbeitern, war der christliche Adel in Spanien sehr hellhäutig. Besonders die Frauen blieben drinnen oder gingen nur mit Hut und Schirm in die Sonne. Sie blieben blass und man sah an den Schläfen die Venen blau durchschimmern. Dazu sagte man „sangre azul“ blaues Blut.

Ach, zum Schluss habe ich noch etwas Nettes über die Schreiberlinge, Journalisten, Geschichtenerzähler unter uns. Der Ausdruck „sich etwas aus den Fingern saugen“ bedeutet ja, sich etwas ausdenken. Bei dieser Redensart gibt es mehrere Quellen der Entstehung. Als die Menschen noch mehr mit einem Stift Ihre Ideen zu Papier brachten, legten sie beim Nachdenken einen oder mehrere Finger an den Mund. Das sah aus, als ob sie saugten. Heute beim direkten Tippen in den Computer habe zumindest ich beide Hände auf der Tastatur, nur manchmal sauge ich an der Lippe, wenn ich zum Beispiel nach Worten suche (leider ohne Honig um den Mund 😊).

Im Mittelalter glaubten die Menschen, dass die Finger dämonische Kräfte haben und etwas mitteilen können. Diese dämonischen Botschaften verurteilte vor allem die Kirche als Lüge. Es gab allerdings auch Geschichten, die seit der Antike bekannt sind, dass sich Bären in der Zeit des Winterschlafes durch das Saugen einer Nährmilch aus ihren Pfoten ernährten. Goethe schrieb dazu „Dichter gleichen Bären, die stets an eignen Pfoten zehren.“ Aus der Pfote wurde der Finger und voilà eine schöne Redensart.