Ich war gerade im kolumbianischen Regenwald. Gemeinsam mit Ingenieuren aus Deutschland habe ich dort das erste Klimaschutz-Projekt* meines Heimatortes verwirklicht. Auf der anderen Seite der Welt produziert jetzt seit ein paar Tagen eine Flussturbine Strom in einem Dorf namens Jiri Jiri. Dort wohnen 236 Ureinwohner des Stammes der Murui am Fluß Caquetá im Regenwald. Zwischen meinem Heimatort Schondorf und Jiri Jiri liegen knapp 10.000 Kilometer und zwei Welten. Jiri Jiri ist nur mit dem Boot zu erreichen, es gibt keinen Strom, keine Wasserversorgung, noch nicht mal Handyempfang. Die Menschen dort leben dennoch glücklich von und mit dem Fluss, der ihre Verbindung zur Außenwelt ist, Trinkwasser und Fisch gibt.

Ich werde immer mal wieder gefragt, warum sich Schondorf am hintersten Ende der Welt engagiert. Ob es denn nicht auch hier bei uns genügend zu tun gäbe. Darauf antworte ich, dass ich mich auch hier engagiere und dass das eine das andere nicht ausschließt. Inzwischen bin ich sogar der Überzeugung, dass wir gut daran tun, uns in der Welt zu engagieren. Jiri Jiri gehört zu Puerto Leguízamo. Das Ortsgebiet ist fast so groß wie Niederbayern und zwei gewaltige Flüsse begrenzen es. Beide fließen in den Amazonas. Der Regenwald dort gehört zum Amazonas-Einzugsgebiet. Es ist eines der größten Waldgebiete der Welt, eine Lunge fürs Weltklima. Die Luft kennt keine Grenzen. Somit gibt es für mich klar einen Zusammenhang zwischen Schondorf und Jiri Jiri.

Für die Menschen in Jiri Jiri gibt es im Leben zwei wichtige Dinge: Kinder gut erziehen und die Natur schützen. Sie sprechen gerne poetisch von der Natur. Während in Deutschland Wörter wie Biodiversität, EEG-Umlage oder Klimagipfel die Debatten bestimmen, sprechen die Ureinwohner von „madre tierra“, also der Mutter Erde, die Ursprung allen Lebens ist.

Allein schon durch ihre Existenz schützen die Ureinwohner den Regenwald. Denn niemand außer ihnen darf über das Land dort bestimmen. Ein anderer Stamm im Gebiet von Leguízamo hat unlängst das Ansinnen des größten Erdölförderers des Landes abgelehnt, in ihrem Reservat Probebohrungen zu machen. Das Angebot war lukrativ. Die Menschen dort hätten ihren Lebensstandards schnell um ein Vielfaches steigern können. Denn die Verhältnisse in den kleinen Dörfern sind sehr einfach.

Die neu installierte Flussturbine in Jiri Jiri produziert zusammen mit einer Photovoltaikanlage genügend Strom, um die Batterien eines Elektrobootes immer wieder aufzufüllen. Somit haben die Murui ein günstiges und sauberes Fortbewegungsmittel. So können sie ihr weniges Geld für andere Dinge als für teures Benzin ausgeben. Und den Regenwald schützen. Auch für uns.

 

*Die Klimapartnerschaft zwischen Schondorf und Puerto Leguízamo wird von der Bundesregierung durch das Programm „50 kommunale Klimapartnerschaften“ unterstützt. Die Gelder für Projekte wie die Flussturbine kommen vom Bundesministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Foto: Stefanie Windhausen