Neulich habe ich eine spannende Formulierung in der Zeitung gefunden. Es war ein Interview im Sportteil der Süddeutschen Zeitung. Das Thema lautete „Förderung des Spitzensports in Deutschland“. Die Journalisten befragten den Innenminister der Bundesregierung, Thomas de Maizière, und den DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann. DOSB ist die Abkürzung für Deutscher Olympischer Sportbund. Es gibt mehr Geld für Spitzensportler, allerdings nicht für alle. Vergeben werden die finanziellen Mittel nach einem komplizierten Schema. Es wird ein Ranking geben, vergleichbar mit einer Pyramide. Welche Disziplin einer Sportart es ganz nach oben in die Spitze schafft, die hat Glück. Die Chancen für olympisches Edelmetall stehen gut, das Geld wird fließen. Weiter unten ist es dann weniger.

Die SZ-Journalisten fragten gewissenhaft und kritisch nach. Das gefällt mir. Eine der Fragen an de Maizière lautete: „Noch vor wenigen Wochen hieß es, dass es nicht unbedingt mehr Geld geben soll. Jetzt halten Sie es für erforderlich. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?“ Die Antwort: „Keine Meinungsänderung. Der Reifegrad des Konzeptes ist jetzt ein anderer.“

Ich habe zugegebener Maßen gelacht bei der Formulierung. „Der Reifegrad des Konzeptes ist jetzt ein anderer.“ Was für eine schöne Umschreibung. Gehört das jetzt zu einer charmanten Positiv-Formulierungen wie „Ich habe gerade ein Überangebot an Arbeit“ statt „Ich bin im Stress“? Oder zieht sich da ein Politprofi aalglatt aus der Affäre? Die Politiker haben schon ein Dilemma. Sie dürfen nicht sagen, dass sie ihre Meinung geändert haben. Dann wird ihnen Wortbruch vorgeworfen – von Journalisten wie von normalen Bürgern. Nur ist doch der Erkenntnisgewinn ein normaler Vorgang. Er ist ein wichtiger Bestandteil der Demokratie. Eine Diskussion, an deren Ende die Teilnehmer sich von den Argumenten der anderen Teilnehmer ganz oder in Teilen überzeugen lassen dürfen.

Wie wäre es, wenn Thomas de Maizière gesagt hätte. „Ja, ich habe meine Meinung geändert. Unser Konzept zur Förderung des Spitzensportes ist jetzt fertig und so kenne ich alle Details.“ Politiker scheuen solche ehrlichen Antworten wie der Teufel das Weihwasser. Das ist der Grund, warum wir Wähler solange weichgespülte Antworten bekommen, bis der „Reifegrad des Konzeptes“ ausreichend vorangeschritten ist. Ich habe ein inneres Bild bei dem Wort „Reifegrad“. Das ist so wie bei einem Camembert mit Charakter. Also wenn Sie schon beim Öffnen des Kühlschrankes wissen, dass der Camembert jetzt verzehrfertig ist.

Was ist uns Wählern lieber? Fertig gereifte Konzepte oder mal ein Zurückrudern, sich Verbessern, eine Fehleinschätzung revidieren. Charmant oder aalglatt? Pauschal kann ich das nicht sagen. Doch bevor ich beim nächsten Mal tief Luft hole, um über einen Politiker zu schimpfen, der seine Meinung revidiert, werde ich genau hinschauen.